Auf ein Spanferkel zu Savedroid

Im Frankfurter Bahnhofsviertel prallen die Gegensätze aufeinander. Ausgerechnet hier hat das umstrittene Startup Savedroid seine neue Heimat gefunden.

Zur offiziellen Eröffnung ihres Hauptquartiers luden jetzt die inzwischen 25 Savedroid-Teammitglieder zu einer “Bad Taste”-Feier ein. Von der beneidenswerten Dachterrasse des neuen Office aus hatten die Gäste die Wahl des Blickwinkels: Je nachdem, ob sie lieber auf die großstädtische Skyline oder auf Frankfurts drogenverseuchteste Kreuzung (dort, wo die Niddastraße die Moselstraße “küsst”) schauen wollten.

Dabei standen alle Schlange für ein Filetstück von zwei herrlichen Spanferkeln, die langsam bis auf die Knochen abgenagt wurden. Zur Abrundung trällerte im Hintergrund noch der Ultravox-Klassiker “Dancing with Tears in my Eyes” aus dem Jahre 1984. Mit diesem Setting der Extreme hat Savedroid jedenfalls dem Party-Motto alle Ehre gemacht. Und ist sich irgendwie noch dabei treu geblieben.

“AANNND IT’S GONE!”

Auch wie man das Projekt Savedroid sehen will, liegt ganz im Auge des Betrachters. Hop oder hip? In wenigen Tagen, am Gründonnerstag, den 18. April, jährt sich einer der unglücklichsten PR-Stunts der Frankfurter Startup-Geschichte. Denn vor gut 365 Tagen konnte man auf der Webseite von Savedroid nur einen schlechten Scherz aus der Comic-Serie Southpark lesen: das Meme “AANND IT’S GONE.” Es zeigt einen amerikanischen Finanzberater, der das gesamte Gesparte der kleinen Comic-Helden aus dem Städtchen Southpark binnen weniger Sekunden komplett verzockt.

Als das ganze Gesparte weg ist, schreit der Banker fast pflichtschuldig: “Uunnd es ist weg!” Lustig, weil Hashtag #Schadenfreude.

15 Minutes of Shame

Leider löste dieser schlechte Witz eine regelrechte Hexenjagd auf Savedroid-Gründer und CEO Yassin Hankir aus. Die Presse überschlug sich, da auch am damaligen Standort des Startups in der Hanauer Landstraße, eine Straßenbahnhaltestelle hinter der Europäischen Zentralbank, keine Ansprechpartner vorzufinden waren. Das war Teil des Jokes, der vorgaukeln sollte, dass Savedroid sich mit einem großen Batzen Geld einfach abgesetzt hatte.

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Bad Taste eben. Und das nicht nur, weil Savedroid eine App für Sparer ist, die ihr Geld anvertrauen. Es ging um viel mehr: Weltweit hatten, wie im Junkie-Rausch, Tausende in Savedroid investiert. Zwischen 25 Millionen und 45 Millionen Euro, so die Frankfurter Gerüchteküche, sammelte Savedroid mit dem Versprechen ein, seine Sparer-App auf die Blockchain zu heben. Dafür erfand Savedroid sein eigenes Blockchain-Tauschmittel, den SVD-Token, den es in einem so genannten Initial Coin Offering (ICO), einer inzwischen verufenen Form innovoativer Investments, verkaufte.

Wo sind die 25 bis 40 Millionen Euro jetzt?

Die Grundidee machte auch viel Sinn. Eigentlich. Schließlich sind gerade kleine Überweisungen, wie sie bei Savedroid zum Zielsparen angeboten werden, sehr teuer, wenn man sie über Banken abwickelt. Will jemand 5 Euro sparen, muss aber für die Überweisung beispielsweise 50 Cent zahlen, macht die Savedroid-App keinen Sinn. Weder für Kunden, noch für den Anbieter.

Auf der Blockchain kosten solche Überweisungen weniger oder gar nichts, je nachdem welche Blockchain verwendet wird. Das verfing. Der Pitch und die rasante Marketing-Maschine von Savedroid überzeugten. Dann floß eine Menge dummes Geld in die Kasse des Startups. Völlig übermotiviert wollte Savedroid das Ganze dann noch mittels des schlechten Scherzes toppen.

Morddrohungen am Ende einer Euphorie

Doch das ging nach hinten los. Sogar die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelte. Wenig später erhielt Yassin sogar Morddrohungen. Mehr als unangenehm, auch wenn das laut Internet-Guru Sascha Lobo jedem irgendwann passiert, der im Netz bekannt wird. Statt der “15 Minutes of Fame”, die jedem mal zuteil werden können, erhielt Yassin nur “15 Minutes of Shame”. Auch die Community war verprellt. Denn ein Ergebnis des Skandals war, dass sich noch weniger Menschen mit der Blockchain-Technologie befassen wollten. Nur über Savedroid können die Meisten ein Jahr später trotzdem immer noch lachen. Schade, aber nachvollziehbar.

Entschuldigung angenommen!

Als sich die Wogen langsam geglättet hatten, entschuldigte sich Yassin im Namen von Savedroid öffentlich. Und mehr kann man auch echt nicht verlangen! Denn jeder von uns macht mal Fehler. Und seien wir ehrlich: In der selben Situation, wären die meisten von uns ermattet durch die lange harte Arbeit und gleichzeitig völlig berauscht vom übermäßigen Erfolg des ICOs, bei der man leicht in Allmachts-Fantasien verfallen kann.

“Wir reflektieren die Aktion selbstkritisch, wie bereits vielmals öffentlich dargestellt. Der Weg war nicht gut gewählt, wir haben uns dafür entschuldigt und unsere Lektion gelernt. Wir halten unverändert an der Botschaft fest, dass der Krypto-Markt unbedingt höhere Qualitätsstandards benötigt, um eine bessere Reputation aufzubauen. Das ist ein absolut essentieller Schritt für die Erschließung des Massenmarktes”, sagt Yassin Hankir in diesem Interview mit make-rhein-main.de.

Nur wurde leider die Botschaft, die Yassin und sein Team  rüberbringen wollten, nie richtig gehört. Auf eine krude Weise wollten sie mit der Täuschung sagen: Hey, Politik, ihr müsst da mehr Regeln für den grauen Krypto-Investitionsmarkt schaffen. Das geschieht inzwischen auch. Sogar die Bundespolitik beschäftigt sich langsam mit der Blockchain. Sofern die Merkel-Regierung nicht vorher auseinander bricht, soll im Sommer eine deutsche Blockchain-Strategie vorgelegt werden. Innovationen? Erwarten die Wenigsten, ehrlich gesagt.

Alles weg? Wirklich? Nein!

Das Savedroid ICO war für die Investoren erstmal ein Nullsummenspiel. Egal, ob Savedroid nun 25 Millionen Euro oder 45 Millionen Euro eingesammelt hat – der dahinterliegende SVD-Token ist aktuell fast nichts mehr Wert. Die Marktkapitalisierung des SVD, also alle SVD-Token zusammen, sind am 11. April 2019 nur noch weniger als 750,000 Euro Wert. Die Investoren haben also für jeden investierten Euro nur noch einen Bruchteil zu erwarten.

Allerdings waren die meisten der Anleger nie auf ein langfristiges Engagement bei Savedroid eingestellt. Stattdessen wollten sie schnell reich werden. Und das klappt eben nur, wenn man einmal im Leben richtig Glück hat. Den Meisten gelingt es nie.

Täuschungen passieren an der “richtigen” Börse jeden Tag

Mir, dem Autor dieses Artikels, zum Beispiel ist was Dummes an der Börse passiert. Ich entschied mich vor einem Jahr, statt in SVD, lieber in einen deutschen Technologie-Wert (*haha*) namens RIB Software SE an der “richtigen” Börse zu investieren. Ermutigt wurde ich dazu durch den Tipp eines Bekannten und tendenziöse Analysen der ach-so-bodenständigen Bank Berenberg. Ich könnte jetzt komplett los ranten, aber die Blogger von Bilanzcowboys machen da eine viel bessere Arbeit. Jedenfalls verlor ich gut ein Drittel meines Invests.

Als ich mich darüber persönlich beim Chief Financial Officer der RIB Software beschwerte und sogar eine Anzeige bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) erwog, lachte der mal müde. Und heute, gut neun Monate später, habe ich von der BaFin nichts mehr gehört. Schöne Grüße nach Bonn und ins Mertonviertel an dieser Stelle!

Das war mein dummes Geld. Puff! Gone! Das ist das Risiko des Investors, der schlechtem Geld nicht noch Rechtskosten hinterherwerfen möchte. RIB Software soll mir eine Lehre sein, nicht meiner Fear of Missing Out (#FOMO) zu folgen!

Klar, ich hätte bei Savedroid prozentual noch viel mehr verloren. Aber, hey, warum soll man Savedroid als Startup härter prüfen als ein relativ etabliertes Unternehmen, wegen dessen Kapitalerhöhung von satten 100 Millionen Euro ich mein Geld eingebüst habe. Die Kapitalerhöhung wurde nach zwei tendenziösen Analysen der Bank Berenberg, dann auch gleich von derselben durchgeführt. Da waren die Kosten für das bissel geschwurbelte Geschreibsel auch dicke wieder drin, auch wenn meines Erachtens das alles spätestens mit der Einführung der neuen MiFid-Standards Anfang 2018 illegal sein sollte.

Juristisch lassen sich Savedroid vs. RIB schwer vergleichen. Aus meiner moralischen Subjektive schon: Immerhin hat Savedroid das Geld ins Produkt investiert, die RIB Software SE sagte seinerzeit, dass man das Geld erstmal einfach horten wolle. (Übrigens, obacht: Ich habe nicht geschrieben, dass Savedroid, RIB oder Berenberg jemanden getäuscht hätten.)

Fazit: Geld stinkt nicht

Savedroid hat mit dem ICO seine Chance genutzt. Das Geld, egal wie viel es jetzt wirklich ist, liegt in der Kriegskasse und Savedroid hat neue Ziele, wie Yassin in unserem Interview mit ihm berichtet. Mittels künstlicher Intelligenz (KI) will das Startup seinen Sparern jetzt helfen, in Kryptowährungen zu investieren.

In einem Test, der auf der Savedroid-Party als Spiel angeboten wurde, fiel es mir allerdings recht leicht, die Künstliche Intelligenz von Savedroid (fast) zu schlagen. Denn sie beruht auf einer Auswertung verschiedener Kryptokurse seit Beginn an, also langen Zeitreihen an Daten. Wenn man daher die älteste Kryptowährung, nämlich den Bitcoin, übergewichtet, hat man es recht leicht, besser zu sein.

Künstliche Intelligenz nimmt das Bauchgefühl aus dem Spiel

Aber auch die Savedroid KI kann den Bitcoin nicht schlagen. Sie ist optimiert auf Basis vergangener Geschehnisse. Prognostizieren kann sie damit noch lange nicht. Was Savedroids neuer künstlich-intelligenter Robo-Adviser für Krypto-Währungen wirklich tut, ist die Emotionen raus zu nehmen, die beim Thema Geld immer eine große Rolle spielen.

Auch interessant: Unser Interview mit Savedroid CEO Yassin Hankir

Wer, wie ich im oben genannten Falle RIB Software, glaubt den Markt schlagen zu können, platziert nichts anderes als eine gefährliche Pferdewette. Das geht den Allermeisten so. Viele Studien zeigen, dass sogar hochbezahlte Investment-Manager nicht besser investieren als Affen, die zufällig nur mit dem Wurf eines Dartpfeils Aktien auswählen.

Die Savedroid KI betrachtet ganz nüchtern die Daten. Das hilft, dauerhaft den Sparern eine durchschnittliche Rendite zu erzielen und ist nachhaltiger. Denn sonst ist in den weitaus meisten Fällen kurzfristigen Investments – zack, bumm – alles tatsächlich schnell weg.

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