Women in FinTech

Foto von Samuel Zeller

In deutschen Börsenunternehmen heißen mehr Männer Thomas, als es Frauen gibt. Bei Zalando ist die angestrebte Frauenquote 0 Prozent, weshalb dort jetzt fünf statt drei Männer die Chefetage besetzen. Bei Engel und Völkers reden Männer über Frauen, handeln aber nicht. Braucht es da noch einen Weltfrauentag? Wir haben mit einer erfolgreichen Frau im Bereich gesprochen, die nicht nur Quote ist, sondern eine engagierte Entrepreneurin in der Männerdomäne Fintech: Leitha Matz, COO beim Fintech-Unternehmen Zuper in München. Sie lebt in Berlin, wo der heutige Weltfrauentag übrigens ein Feiertag ist.

Make RheinMain: Wenn doch die meisten Männer Frauen lieben, wie konnte “Women in Fintech” überhaupt ein Thema werden?

Leitha Matz: Die Meisten glauben, es gäbe gar keine Gleichberechtigungs-Problematik. Aber wenn man auf die Fakten schaut, sieht das doch anders aus: etwa, dass Frauen rund die Hälfte der Bevölkerung stellen, aber gleichzeitig in diesem wichtigen Gebiet [also Fintech. A.d.Red.] völlig unterrepräsentiert sind. Ebenso leben Frauen deutlich länger als Männer, erhalten aber am Ende eines aktiven Arbeitslebens geringere Renten, verfügen über weniger Investitionsanteile und beziehen geringere Gehälter. In Deutschland liegt die Differenz der Entlohnung für gleiche Arbeit bei 21 Prozent. Hier wird deutlich, dass die Machtverhältnisse ungleich sind und Frauen eine schwächere Lobby haben.

Leitha Matz Zuper
Leitha Matz, COO bei Zuper – die gebürtige Amerikanerin ist eine der wenigen C-Level-Frauen in deutschen Fintechs. Sie engagiert sich mit “Mind the Gap” für Gleichberechtigung.

MRM: Kannst Du uns Alltagsbeispiele aus Deiner Erfahrung nennen, wie Männer und Frauen in Fintechs unterschiedlich behandelt werden?

LM: Abgesehen davon, dass es in der Finanzwelt grundsätzlich unbewusste Bevorteilungen gibt, sind Fintechs auch einfach Startups – und generell sind mehr Männer als Frauen in der Startup Szene involviert. Untersuchungen des Harvard Business Reviews haben gezeigt, dass Unternehmerinnen andere und herausfordernde Fragen von Kapitalgebern beantworten müssen. Außerdem haben sie größere Probleme, eine Finanzierung zu sichern. Die Studie zeigte auch, dass nur 15 Prozent der Firmen, die Risikokapital einwerben konnten, eine Frau im Führungsteam hat; weniger als drei Prozent haben eine Vorstandsvorsitzende. Die Probleme gibt es also nicht nur im Fintech-Bereich – aber vermutlich sind Frauen im Bereich Fintech noch seltener als in Startups im Allgemeinen.

MRM: Wie können Frauen hier aktiv eine Veränderung herbeiführen?

LM: Ich glaube, dass gesetzliche Regelungen, die Firmen veranlassen, Gehälter öffentlich und transparent aufzuzeigen, vielen Leuten die Augen öffnen können. In Großbritannien wurde durch die Veröffentlichungen der Pay Gaps eine landesweite Diskussion über Gleichheit und Gerechtigkeit angestoßen. Außerdem ist die Initiative “Mind the Gap” ein guter Einstieg in das Thema – wir konzentrieren uns auf Ausbildung, Inspiration und Qualifizierung. Allein die Diskussion über diese Themen kann schon zur Reflektion und Evaluation von Voreingenommenheit und Vorurteilen führen.

Mind the Gap – in Deutschland verdienen Frauen für gleiche Arbeit 21 Prozent weniger

MRM: Was sind kleine oder große Indikatoren von Diskriminierung, auf die Männer und Frauen aufmerksam gemacht werden müssen?

LM: Wir alle haben unbewusste Voreingenommenheiten (unconscious bias) und blinde Flecken – das muss man einfach mal anerkennen und vor sich selber zugeben. Dazu gibt es auch online-Tests, die einem helfen, die eigene unbewusste Einstellung zu erfassen, etwa das akademische Project Implicit. Aber es gibt auch Organisationen und Events, bei denen man beobachten kann, wer am meisten öffentlich spricht und wer die meisten Entscheidungen trifft. Wenn nur einige Wenige, die sich sehr ähnlich sind, den Diskurs dominieren, dann könnte dies ein Fall von Gruppendenken sein. Lebendige, vielseitige und respektvolle Diskussionen sind gut für Fintech-Produkte – und für die Gesellschaft als Ganzes.

MRM: Wie können Fintech-Unternehmen und ihre Produkte von mehr Frauen im Team profitieren?

LM: Manche Leute sagen, dass Frauen und Männer auf gleiche Art und Weise an finanzielle Angelegenheiten herangehen. Ich sehe das anders: fast alle Frauen, mit denen ich spreche, sagen, dass Investitionen, Finanzmanagement oder langfristige Absicherung irgendwie “nichts für sie sind”. Dabei glaube ich fest daran, dass diverse Perspektiven im Team helfen, bessere Produkte zu kreieren. In meiner Fintech-Firma Zuper sind wir ein internationales Team mit mehr als 40 Prozent Frauen und über 60 Prozent Eltern. Durch unsere vielfältigen Erfahrungen und Perspektiven sind wir stärker.

MRM: Wie begehst Du den heutigen Weltfrauentag?

LM: Ich werde auf jeden Fall auf den bisherigen Fortschritt der Frauenbewegung anstoßen – wobei es beim World Economic Forum zuletzt ja hieß, dass es noch etwa 202 Jahre dauern könnte, bis wir in einer gleichgestellten Gesellschaft leben. Daher werde ich vermutlich auch etwas für Zuper tun und mehr “Mind the Gap” Sessions anlegen. Wenn man wirklich für etwas brennt, ist man ja nie wirklich fertig.

MRM: Vielen Dank für das Gespräch!

Frauen-Netzwerke und mehr

Leitha engagiert sich sehr stark für “Women in FinTech”, ein Thema, das auch bei uns in der Region, rund um die Finanzmetropole, brisant ist. Sie hat gemeinsam mit anderen Frauen, das MeetUp Mind The Gap gestartet. Ein ähnliches Projekt bei uns in Frankfurt scheiterte leider. Vielleicht macht Leitha’s Interview euch ja Mut, neu anzufangen?

Wer jetzt aktiv werden möchte, aber nicht im Bereich Fintech zu Hause ist, muss nicht verzagen. In der Region Rhein-Main sind etwa die Women Techmakers sehr aktiv, ebenso die Techettes, die Webgrrls und viele andere. Die Digital Media Women, die ihr vielleicht schon von den letzten beiden Webweeks kennt, bieten dieses Jahr übrigens ein vielfältiges Academy-Programm an. Am 4. Mai findet zudem in Frankfurt die women and work Messe statt.

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Was denkst Du? Ist der Weltfrauentag heute noch nötig? Brauchen wir Gleichstellung überhaupt? Auf geht’s in die Kommentare!

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