Influencer-Kampagne: Eintracht Frankfurt gegen Rechtsaußen

Eintracht gegen Rechtsaußen: Aus Sorge, dass zu wenige gemäßigte Wähler am 26. Mai zur Europawahl gehen, nutzt die Frankfurter Eintracht jetzt die Reichweite ihrer Spieler in Sozialen Medien. Das erklärte Timm Jäger, der als Referent des Vorstands für die strategischen digitalen Projekte des Bundesligisten zuständig ist, am Mittwochabend im Tech-Format Laptop & Leibchen. Damit zeigt der Verein Kante gegen Rechtsaußen.

“Der Gedanke war natürlich, wie können wir möglichst viele Menschen erreichen”, sagte Jäger (links im Bild der Eintracht), “Deswegen haben wir uns entschieden, mit unseren Spielern Video-Botschaften aufzunehmen, die jetzt nach und nach vor der Wahl veröffentlicht werden. Damit wollen wir zu einer besseren Wahlbeteiligung beitragen.”

Interessant: Die Videos werden in der jeweiligen Landessprache der Spieler zur Europawahl aufrufen. Da drei Viertel der Mannschaft “Migrationshintergrund” haben, insgesamt 16 Nationen, erreicht die Eintracht-Aktion nicht nur deutsch-sprachige Wähler. Die Werbeträger für den guten Zweck richten sich somit auch an Wähler in anderen Ländern.

Lob für die Eintracht von Pulse of Europe

Daniel Röder, der Initiator der Bewegung Pulse of Europe (Bild rechts), lobte bei Laptop & Leibchen das Vorhaben: “Gerade in den letzten Jahren sehe ich bei der Eintracht eine sehr positive Entwicklung, zu der ich nur sagen kann: Hut ab! Da stecken Haltung und Kante dahinter. Und die Eintracht scheut sich nicht, sich im gesellschaftspolitischen Raum zu positionieren. Dadurch hat der Verein etwas Verbindendes und ich habe jetzt meine lebenslange Mitgliedschaft beantragt.”

Pulse of Europe ist inzwischen ein europaweites Netzwerk, das sich unter anderem in Frankfurt regelmäßig öffentlich treffen kann. Das ist aber laut Röder ein Privileg hierzulande: “Wir leben in Deutschland auf einer Insel der Glückseligen. In Polen etwa kann man nicht so einfach wie in Frankfurt eine öffentliche, politische Veranstaltung anmelden. Mitarbeiter von uns fühlen sich bedroht. Polen ist ein EU-Mitglied, aber es finden radikale Veränderungen statt, die die Freiheit radikal beschneiden. Und nicht nur dort.”

Sorge vor dem Rechtsruck am 26. Mai

Die Beteiligung an Europawahlen ist seit der ersten Wahl 1979 konstant zurückgegangen: Von rund 62 Prozent Wahlbeteiligung schmolz sie um mehr als 20 Prozentpunkte auf nur noch rund 43 Prozent für das achte Parlament, das 2014 auf fünf Jahre gewählt wurde. Schon 2014 holte man sich dank der niedrigen Wahlbeteiligung die “Brexiteers” der britischen UKIP-Partei ins Haus – das legte den Grundstein für das Chaos um den Brexit.

Jetzt droht, dass insbesondere Rechtsaußenparteien vom mehrheitlichen Desinteresse an der Europawahl profitieren. Außerdem steht die erfolgreiche italienische Fünf-Sterne-Bewegung, der ebenfalls europafeindliche Tendenzen nachgesagt werden, in den Startlöchern.

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Allerdings muss man die Gründe auch in den hausgemachten Problemen der Europäischen Union suchen: Europa diktiert zwar inzwischen die Hälfte aller Gesetze, die im Berliner Bundestag verabschiedet werden – das EU-Parlament gleicht aber eher einem Feigenblatt der Demokratie. Oft soll es nur noch abnicken, was EU-Kommission und EU-Rat auf Geheiß der Mitgliedsländer hinter verschlossenen Türen schon längst ausgemacht haben. So war es auch im Februar, als der Beschluss zu Artikel 13 (Stichwort: #Uploadfilter) erst durch einen Leak kurz vor der Abstimmung ans Licht der Öffentlichkeit gelangte. (Siehe unseren Artikel Sieht das Internet bald aus wie die Rüsselsheimer Innenstadt?)

Wird aus der Eintracht sowas wie ein erfolgreicher FC St. Pauli?

“Wir geben keine Wahlempfehlung ab. Wir sagen nur wählt Europa, was ihr ankreuzt ist eure Sache. Wir wollen zumindest dazu beitragen, dass möglichst viele darüber nachdenken, wählen zu gehen und sich für Europa zu entscheiden,” sagt Timm Jäger. Er fügt hinzu: “Die Frankfurter Fanszene ist tendenziell eher links und international – da braucht man sich nur unsere Kurve anzuschauen, die ist extrem bunt. Es ist nicht so, dass wir uns erst seit Kurzem in diesem Bereich befinden – ich erinnere nur an die Aktion United Colors of Bembletown in den Neunzigern.”

Laut Vereinssatzung Paragraph 3 muss sich die Frankfurter Eintracht zwar parteipolitisch zurückhalten, sich aber auch für die Integration ausländischer Mitbürger einsetzen. Das war immer schon ein großes Thema im europäischen Fußball. So wurde der Gegner im Europacup-Achtelfinale Inter Mailand 1908 deswegen gegründet, weil seinerzeit die Ausländer in anderen Vereinen nicht mitspielen durften (Quelle: Stadionzeitung vom 14. März 2019).

Respekt und Vielfalt werden in Frankfurt GROSS geschrieben. Der bislang heimatlose jüdische Verein TuS Makkabi erhielt kurz vor Ostern ein Geschenk der Stadt Frankfurt: Um endlich eine eigene Spielstätte zu verwirklichen, fördert die Stadt den Bau der neuen Anlage am Dornbusch mit 4,5 Millionen Euro, knapp 50 Prozent der (geplanten) Kosten.

Ablösensummen höher als Follower-Zahlen

Zwar sind die Ablösesummen der Eintracht Spieler ein Vielfaches ihrer Follower-Zahlen, aber sie kommen zusammen doch auf mehr als 10 Millionen Fans. Allein der von Paris St. Germain geliehene Spitzen-Torwart Kevin Trapp hat 1,7 Millionen Follower auf Insta, bei einer Ablöse von 8 Millionen Euro. Dem kroatischen Vizeweltmeister Ante Rebic, der für Frankfurt trifft und trifft, folgen auf Insta immerhin fast 600,000 Menschen – bei einer Ablöse von geschätzten 35 Millionen Euro. Der französische Stürmerstar Sebastian Haller kommt auf knapp 12,000 Freunde bei Facebook, knapp 8.000 Follower bei Twitter und ist am populärsten auf Insta, wo ihn knapp 70.000 abonniert haben. Sein Marktwert wird auf 40 Millionen Euro geschätzt.

Insgesamt sind im Frankfurter Kader 16 Nationen vertreten.

Zurück zur schönsten Nebensache der Welt

Am kommenden Donnerstag tritt die Eintracht zuhause gegen den Londoner FC Chelsea an. Dann stimmen die Frankfurter Fans wieder alle ein:

“Ob Rom, Mailand oder London, Moskau, Wien oder Athen,

Ob mit Bus oder Bahn, Oder Flugzeug scheißegal,

Eintracht Frankfurt International…”

Eintracht Frankfurt International!

Pulse of Europe-Gründer Daniel Röder sagte trocken zum Abschluss des Abends: “Wenn die Eintracht den Europapokal holt, und die Wahlbeteiligung an der Europawahl statt bei 60 nur bei 59 Prozent wäre, bin ich happy.” Vor dem Finale stehen allerdings noch Hin- und Rückspiel gegen Chelsea an.

 

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