Magic: Die Magie der Karten

Magic Friday by Tobias Heyner

Was macht man freitags in Oberusel? „Klar, Party machen“, bekäme man beispielsweise als Antwort von den Feierwütigen in der Diskothek im Oberurseler Bahnhof, nördlich von Frankfurt am Main. „Quatsch! Freitagabend lasse ich die Karten zaubern“, hieße es hingegen im Lokki, einem unscheinbaren Ladengeschäft auf der anderen Straßenseite. Das klingt erst einmal reichlich ungewöhnlich, aber hier verbringen zahlreiche Gleichgesinnte jeden Freitag magische Nächte

Die Mutter aller Sammelkartenspiele

Magic the Gathering heißt das Kartenspiel, welches dutzende Menschen jeden Freitag ins Lokki lockt. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Sammelkartenspiel. Derer gibt es viele auf dem Markt. Yu-Gi-Oh!, Pokémon oder World of Warcraft sind andere namhafte Vertreter. Doch das Spiel von Hersteller Wizards of the Coast (Teil der Hasbro-Gruppe) nimmt unter all diesen einen Sonderstatus ein – war es doch das erste Spiel seiner Art, als es 1993 auf den Markt kam. Es darf sich also zurecht als die Mutter aller Sammelkartenspiele bezeichnen. Und bis heute ist es auch das Beliebteste von allen. In hunderten anderer Geschäfte in Deutschland bietet sich am Freitag somit ein ähnliches Bild wie im Lokki – abertausende sind es weltweit. Aber was macht die Faszination von Magic eigentlich aus?

So geht Magic: 50% Glück und 50% Können

In der Regel sitzen sich bei einer Partie Magic zwei Spieler mit ihren Kartendecks gegenüber und versuchen die jeweils 20 Lebenspunkte des Gegners auf Null zu reduzieren, um das Match zu gewinnen. Zu diesem Zweck haben sie gefährliche Kreaturen und mächtige Zaubersprüche in ihren Decks, die sie jedoch nicht einfach so ausspielen können. Jede Karte verlangt vorher das Bezahlen gewisser Mana-Kosten, die nur durch sogenannte Länderkarten erbracht werden können.

Pro Zug kann nur ein Land gespielt werden und je stärker eine Karte, umso höher ihre Kosten. Eine gesunde Mischung aus günstigen und Mana-hungrigen Karten ist also unerlässlich, wenn man nicht den Anschluss an die Partie verlieren möchte. Bei der Konstruktion des eigenen Decks stellt man also bereits die Weichen auf Erfolg oder Misserfolg.

Wie geschickt man die Karten während des Spiels einsetzt ist natürlich auch nicht ganz unerheblich. Und zu guter Letzt ist da noch der nicht gerade geringe Faktor des “Zieh-Glücks”, wenn man Karten aus dem Stapel zieht, wie für ein Kartenspiel typisch. Ohne Länderkarten sind die anderen Karten nämlich nutzlos, da man sie nicht ausspielen kann.

Durch diesen Glücksfaktor ist es vereinzelt auch einem nicht so talentierten, unerfahrenen Spieler möglich, einen alten Hasen zu besiegen und das macht das Spiel letztendlich für eine Vielzahl an Spielern, statt nur für ein paar wenige Profis, attraktiv. Philip W. ist beispielsweise ein Neuling im Lokki und lobt neben der besonderen Location und den netten Leuten:

„Ich find das Spiel an sich einfach super spannend, denn es ist sehr komplex und abwechslungsreich. Ich habe früher schon andere Sammelkartenspiele ausprobiert, aber Magic ist einfach das Nonplusultra!“, sagt Philip.

by Tobias Heyner

Ein Multiversum voller Möglichkeiten

Ein durchdachtes Spielsystem ist das Grundgerüst eines jeden guten Spiels, reicht aber längst nicht mehr aus, um die Massen zu begeistern. Die Menschen wollen nebenher auch eine Geschichte erzählt bekommen. Magic bietet eine Hintergrundgeschichte – eine Hintergrundgeschichte von wahrlich gigantischen Ausmaßen!

Als Spielplatz wurde hier nicht nur ein eigenes Universum, sondern gleich ein ganzes Multiversum mit unzähligen Welten kreiert, die jeden Fantasy- und Science Fiction Fan in wahre Verzückung versetzen sollte. Klassische Mittelalter-Settings, in denen Ritter mit riesigen Drachen kämpfen, mythologische Szenarien aus dem alten Ägypten, der Antike oder dem traditionellen Japan, eine Welt ganz aus Metall und von Dinosauriern bevölkerte Dschungel, in denen Luftschiff-Piraten auf Schatzsuche gehen, seien hier nur beispielhaft genannt, um die schier unendlichen Design-Möglichkeiten zu umreißen.

Vermittelt werden die Geschichten der Welten und ihrer Charaktere vornehmlich durch die Artworks der Karten und kleine Hintergrundinfos im Kartentext. Für besonders Interessierte gibt es darüber hinaus aber auch noch Story-Artikel, Comics, Romane und ein Kinofilm ist auch schon seit Jahren geplant…

Alle drei Monate eine neue „Staffel“

Der größte Reiz eines Sammelkartenspiels wie Magic liegt jedoch meiner Meinung nach darin, dass es sich ständig verändert. Klassische Kartenspiele wie Skat oder Uno bestehen aus einem festen Satz Karten. Sie verändern sich niemals.

Natürlich verlaufen Partien unterschiedlich, aber im Grunde spielt man jedes Mal wieder das Gleiche. Bei Magic hingegen erscheint alle drei Monate eine neue Erweiterung mit über 200 völlig neu entworfenen Karten. Trotzdem die Grundregeln des Spiels dieselben bleiben, fühlt es sich so dennoch jedes Mal ein wenig so an, als würde man ein ganz neues Spiel kennenlernen, oder als wäre gerade die neueste Staffel der Lieblings-TV-Serie erschienen.

Solch ein Konzept bietet zudem die Möglichkeit für stetige Verbesserungen im Gameplay selbst, für optische und thematische Anpassungen an den momentanen Zeitgeist oder sogar die Option das ganze Spiel in einem gewissen Rahmen neu zu erfinden. Dass Magic sich stetig am Puls der Zeit bewegt, konnte man besonders in Jüngster Vergangenheit erleben: Mit der Veröffentlichung der Videospiel-Variante Magic Arena wurde eine quasi identisches digitales Gegenstück zum physischen Kartenspiel geschaffen, das den Spielhunger der Fans noch weiter befriedigt und durch seine einfache Bedienbarkeit und die schöne Präsentation (Vorbild war hier ganz klar das beliebte Hearthstone) darüber hinaus einen idealen Einstieg für neue Spieler darstellt.

Liisa I. by Tobias Heyner

„Fast wie bei einem Stammtisch“

Für den letzten und womöglich wichtigsten Faktor, der Magic so beliebt macht, kehren wir noch einmal ins Lokki zurück. Hier sehen wir Menschen verschiedensten Alters, Herkunft, sozialer Schicht und auch offenkundig völlig unterschiedliche Charaktere auf einem Haufen, die sich sonst vermutlich so nie zusammenfinden würden – und sie spielen alle ein und dasselbe Spiel.

„Man trifft hier die Leute, die man sonst nicht trifft – fast wie bei einem Stammtisch“, erklärt Niklas E., einer der Stammspieler hier. „Magic verbindet mich mit diesen Menschen und es sind auch gute Freundschaften auf diesem Weg entstanden. Das ist für mich einer der Hauptgründe warum ich fast jeden Freitag hier im Lokki bin.“

Magic bildet also auch eine eigene Community, einen eigenen kleinen sozialen Kosmos, ähnlich wie beim Ausüben einer Sportart. Und das Lokki wäre in diesem Gleichnis dann wohl der lokale Sportverein, in dem es besonders gemütlich und familiär zugeht. So sieht das auch Inhaberin Liisa I.: „Seit 1996 kann man jetzt schon bei uns Magic spielen und alles was man zum Spielen braucht kaufen. Anfangs wollten wir ja eigentlich nur einer kleinen Spielergruppe aus der Umgebung einen festen Ort für ihre Treffen bieten. Dass das Ganze mit der Zeit so wachsen würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. Aber nach wie vor machen wir es weniger für den Verdienst, sondern weil es uns Freude bereitet, wenn die Bude voller netter, begeisterter Leute ist, die gemeinsam ihr Hobby praktizieren.“

Fotos: Tobias Heyner

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Comments (3)

Nun hatte ich doch gerade einen richtigen Flashback, als ich den Artikel las: Freut mich sehr, dass es Lokki, das Spiel MAGIC und die Freitags-Spieleabende noch immer gibt… nach über 20 Jahren! Ich selbst habe 1995 das Spiel während meiner Zivildienstzeit kennen und lieben gelernt. Und ja, so manches Starterpack wurde im Lokki in Oberursel gekauft (wo ich im übrigen auch immer kompetente Beratung beim Schrauben meines ersten eigenen PCs, eines 386 DX, bekam).
Und 2-3 mal war ich dann auch dort, um freitags abends gegen andere Spieler anzutreten. Was mich allerdings damals schon nervte, und wohl auch der Grund für die Aufgabe dieses Hobbies war: Mit großem Geldbeutel (für Schüler-/Studenten-/Zivi-Verhältnisse) war man überlegen. Seltene Karten gab es nur für teuer Geld (ich erinnere mich an irgendwelche “Moxe”???), heutzutage würde man es wohl als “Pay-to-win”-Spiel bezeichnen.
Wir sagten schon damals, Wizards of the coast hat die Lizenz zum Gelddrucken… aber das Spielprinzip war (und ist sicherlich noch immer) faszinierend.
Und das Jung und Alt gemeinsam daran Freude haben, ist wohl der wichtigste Aspekt!

Hallo Daniel,
freut mich sehr, dass du durch unseren Artikel an die “gute alte Zeit” erinnert wurdest. 😀 Ich habe selbst auch eine Zeit lang MTG gespielt und war fasziniert von der Tiefe des Universums und den Möglichkeiten beim spielen. Die Community bei Magic ist immer noch sehr groß und es freut mich auch, dass Tobias dieses Thema auf unsere Seite gebracht hat.

An Alle:
Wenn auch ihr Ideen habt, über was wir berichten sollen oder ihr sogar selbst einen Artikel für uns schreiben möchtet, dann meldet euch einfach bei mir.

Keine Sorge, die Moxe und ähnliche Karten sind banned/eingeschränkt. Heutzutage heißt mehr Geld nicht mehr Gewinne. Bei den 2019 Mythics hat im Finale ein 75$ budget deck gegen ein deck archetyp gewonnen welches gerne um 600$ kostet

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