Wie Studierende aus Darmstadt den Bugatti Chiron schlagen

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Wer DART liest, denkt wahrscheinlich zunächst an den ein oder anderen eigenen Glückstreffer oder Namen wie Phil Taylor oder Michael van Gerwen. Dazu kalte Getränke in verrauchte Kneipen. An der TU Darmstadt ist der Begriff anders belegt, doch auch hier verbindet man damit einen Gentleman-Sport: Autorennen in der Formula Student.

Seit 2006 bauen jährlich ca. 40 aktive Studentinnen und Studenten diverser Fachbereiche, insbesondere Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik und Wirtschaftsingenieurwesen in ihrer Freizeit hoch innovative Rennboliden – natürlich mit Elektromotoren. Und das vollkommen selbstständig, absolut professionell und jedes Jahr aufs Neue. Ziel ist es – wie auch im bekannten Geschicklichkeitsspiel – mit den Pfeilen einen Volltreffer zu landen. Nur eben nicht auf der Scheibe, sondern auf prestigeträchtigen internationalen Rennstrecken, wie etwa in Hockenheim, Silverstone oder Barcelona.

DART rockt die Formel 1 für Selbermacher

Als eines der Teams in Hessen nimmt das TU Darmstadt Racing Team e.V. (DART) jährlich an der Formula Student teil, einem internationalen Hochschulwettbewerb, bei dem Studenten von weltweit über 500 Universitäten und Hochschulen mit ihren selbst konstruierten Rennwagen im Renneinsatz gegeneinander antreten. In verschiedenen Disziplinen wird dabei etwa die Beschleunigung, die Ausdauer oder die Energieeffizienz getestet.

Doch nicht nur die Rennleistung zählt für die Gesamtwertung. Auch statische Parameter wie etwa das Design, Kosten sowie Herstellung und der Business Plan sind relevant für die Gesamtwertung. DART Racing schickt hierfür seit Jahren jeweils zwei unterschiedliche Wagen ins Rennen und konnte bereits beachtliche Erfolge einfahren.

DART präsentiert Rennautos im Mercedes-Benz Autohaus

Knapp neun Monate dauert der Prozess von Planung über Konstruktion bis hin zum Bau der fertigen Rennwagen. Dann ist der Moment gekommen, an dem die Schmuckstücke in Form eines offiziellen Rollouts der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dieses Jahr wurden die rennbereiten Boliden am 21. Mai prominent zwischen Luxuskarossen in der Mercedes-Benz Niederlassung Darmstadt enthüllt.

Für Sponsoren, Freunde und Familie des Teams ist der Rollout das jährliche Highlight, an dem die Autos bestaunt, Detailfragen zur Technik beantwortet, Anekdoten ausgetauscht und Ideen für die Weiterentwicklung im nächsten Jahr gesammelt werden können. Und irgendwie sieht neben solchen Flitzern auch der schickste Mercedes wie ein ganz normales Auto aus.

Das sind die zwei DART Rennwagen 2019

Lambda D2019 u Ny2019Lambda D2019 u Ny2019

Voraussetzung für eine Teilnahme an der Formula Student ist, dass alles an den Rennautos komplett selbstgemacht ist, vom Überrollbügel bis zu den Hybridfelgen, die bei DART aus Alu und Carbon bestehen. Was die Leistung betrifft ist dieses Jahr der Ny2019 Allrad das Flagschiff.

Der Bolide wiegt rund 250 kg und ist an jedem seiner vier Räder mit einem 52 kw (ca. 70 PS) starken Motor ausgestattet. Würde man das PS/Kilo Verhältnis auf eine A-Klasse rechnen, hätte er hochgerechnet 1800 PS, also mehr als ein Bugatti Chiron.

Der zweite Wagen, der Lambda D2019, kommt mit Heck-Antrieb aus, fährt dafür jedoch komplett autonom und muss dies auch auf der Formula Student beweisen. Beide Fahrzeuge warten außerdem im Vergleich zum Vorjahr mit einigen bemerkenswerten technischen Highlights auf. Beispielsweise sorgen breitere Reifen und ein perfekt darauf abgestimmtes Fahrwerk für einen niedrigeren Schwerpunkt und somit für ein besseres Fahrverhalten in Kurven.

Leicht ist der Wagen, nicht die Fertigung

Was sich gut geplant, oft bewährt und sehr erfolgreich liest, ist in Realität meist gar nicht so einfach umzusetzen. Bevor die Einzelteile zusammengesetzt werden, werden die Rennwagen mittels CAD (computer-aided design) rechnerunterstützt konstruiert.

Doch was in der Software funktioniert, kann in der Montage schon mal Schwierigkeiten bereiten. Nicht selten hört man deshalb von einem der Teammitglieder den verzweifelt rechtfertigenden Ausruf: „Im CAD hat´s gepasst!“ (Alle Zitate stammen von verschiedenen Mitgliedern des DART Racing Teams.) In solchen und ähnlichen Momenten ist sich das Team einig, dass es gut ist, dass in den Wagen keine Kinder zur Krabbelstube gefahren werden.

„Zum Glück bauen wir nur Rennautos“, ist hier das augenzwinkernde Credo. Gemeinsam „kämpft man dafür, das Auto zum Laufen zu bringen“. Daher wundert es nicht, dass rückblickend der schönste Moment oft als derjenige beschrieben wird, wenn „die Teile, die man selbst entworfen, entwickelt und konstruiert hat, im Auto so gepasst haben, wie man es sich vorgestellt hatte.“

Wenn er am Ende einmal an dir vorbeirast, kriegst du alles wieder zurück
Das aktuelle Team von DART

Zwei Rennwagen in neun Monaten aus dem Nichts entstehen zu lassen, bedeutet für die Studenten jede Menge Zeitaufwand, Rückschläge, erste graue Haare und private Entbehrungen: „Der Stressfaktor ist hoch, doch mit ihm steigt auch der Wissendrang.“ Und wenn die Wagen dann auf international bekannten Rennstrecken über den Asphalt fetzen, weiß man, dass sich jede Mühe gelohnt hat. 2019 haben sich die Flitzer des DART Racing Teams erneut erfolgreich für die Events der Saison qualifiziert und werden in der Formula Student Österreich, Deutschland und Spanien antreten.

Es geht jedoch nicht nur um den sportlichen Erfolg und das Prestige. Besonders bedeutsam ist für das Team auch ihr Beitrag zu aktuellen Trends und Fragestellungen der Automobilindustrie. Mit ihrem vollelektrischen Rennboliden konnte man schon 2011 ein Ausrufezeichen setzen und Aufmerksamkeit auf diese zukunftsweisende Technik lenken. Ähnlich richtungsweisend war auch die Vorstellung des ersten vollautonomen Rennwagens der Vereinsgeschichte im Jahr 2017.

Mitmachen kann im DART Racing Team, wer selbst Student an der TU Darmstadt ist. Für all jene gilt: Hier kann man tolle Erfahrung vom Arbeiten im Team sammeln, sein Zeitmanagement verbessern, herausfinden, in welche Richtung man sich nach dem Studium entwickeln möchte, Verantwortung übernehmen, die man gerne erfüllt und ganz nebenbei bemerken, wie wenig stressig doch der Alltag im Vergleich zum DART Racing Projekt sein kann.

Alle anderen Speed-Fans und Technik-Enthusiasten sind herzlich eingeladen, am 09.-11. August nach Hockenheim zu kommen und die Boliden dort in Action zu erleben.

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