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Arbeitslosigkeit hat einen großen Vorteil: Man hat endlich Zeit. Als mein Chef mich 2013 vor die Tür setzte, entwickelte ich das Retro-Rechner-Quartett. Das Basteln half mir, mit der Situation klar zu kommen.

Von Roman (at) make-rhein-main.de

C64
Klassiker: Der Commodore C64 gilt als der meistverkaufte Heimcomputer der 80er – trotz der Brotkastenoptik.
Auch bekannt als iPad0
Das erste iPad: Der Apple Newton war kein Verkaufsschlager, obwohl er als erster Schreiberkennung bot.
Der Amiga 500 im Retro Rechner Quartett
Schräge Optik: Der Amiga 500 hatte alles, was man damals brauchte. Sogar ein Autogramm der Musik-Moderatorin Stefanie Tücking (Formel Eins).

UPDATE AUGUST 2017: Zum 20. Jubiläum des Berliner Computerspielemuseums legen wir jetzt die zweite, verbesserte Auflage des Retro-Rechner-Quartetts auf:

Kickstarte uns jetzt hier!

Eins vorweg: Ich bin meinem Chef heute noch dankbar, dass er mich gefeuert hat: Ich wollte Dinge anders machen, er lieber weiter wie bisher. Ich war stur. Er war der Chef. Dann stand ich auf der Straße. Letztlich war’s gut so.

Allerdings änderte sich mein Leben plötzlich dramatisch: Ich hatte keinen geregelten Tagesablauf mehr. Ich war seit der ersten Klasse darauf gedrillt, morgens auf den Stundenplan zu schauen. Im Job gab’s das ja auch: Nur hieß es “Agenda” (und die erste große Pause war leider gestrichen). Und jeder Tag war Wochenende. So habe ich dann meine Freizeit auch zunächst mal mit ausgedehnten Kneipenabenden, Serientagen und allerlei Gedöns vertan. Aber schon nach wenigen Wochen, wurde mir das zu langweilig. Ich wollte was machen.

Es war eine zweischneidige Situation: Einerseits war da die Unsicherheit. Wie würde es weiter gehen? Aber andererseits war da auch eine einzigartige Freiheit. Alles war möglich! Dafür musste ich erst wieder lernen, was man mit Freizeit alles machen kann.
Putting the Joy back in Joy-Stick
Hatte ich vor lauter arbeiten vergessen, wie man mit Freizeit umgeht?

Unterbewusst kramte ich in meinen Erinnerung. Und tatsächlich fand sich was: Als Kind habe ich immer gerne Spiele entwickelt – beispielsweise in meinem Liebelingsschulfach “Freie Arbeit”. Meine eigene Version des damals sehr beliebten “Spiel des Lebens” war für einen Achtjährigen schon nicht schlecht gelungen. Hausaufgaben gab es in “Freie Arbeit” nicht – obwohl sonst eher schularbeitsscheu – habe ich für das Fach trotzdem zu Hause gearbeitet. Freiwillig.

Und noch was haben wir damals immer gerne gemacht: Autoquartett spielen! Im Bus, in der Pause und beim Warten. Das war das Größte!

Langsam dämmerte es mir wieder, wie man mit Freiheit richtig umgeht. Und plötzlich hatte ich dann 2013 diesen Geistesblitz: Statt Autos auf Quartett-Karten zu drucken und den Hubraum zu vergleichen, wollte ich den C64 gegen Atari und Macs antreten lassen! Je länger ich darüber nachdachte, desto begeisterter war ich von der Idee!

Die Idee zum Retro-Rechner-Quartett war geboren: Quartett-Spiel ♥, Retro-Rechner ♥ und Spaß am Entwickeln ♥. Ich jubelte innerlich.

Das Dumme daran, wenn man arbeitslos ist: Man hat zwar viel Freizeit – aber eben blöderweise wenig Geld. Ich rechnete also mit spitzem Bleistift. Sehr, sehr spitzem Bleistift:

 

  • Leihen der Kameraausrüstung bei einem Bekannten = 50 Euro
  • Druckkosten für eine kleine Menge = 200 Euro
  • Eine Fahrt mit Übernachtung zum Computersammler Boris Jakubasck bei Karlsruhe = 150 Euro
  • Zwei Tickets nach Offenbach zu Apple-Sammler Till = 10 Euro
  • Kosten für einen befreundeten Grafiker = 100 Euro

 

Machte zusammen: rund 500 Euro. Marketingtechnisch abgerundet.

Gut ich hätte das auch selbst auslegen können. Da ich noch nicht wusste, wie lange ich über kein geregeltes Einkommen verfügen würde, war mir das einfach zuviel. Aber die Fotos, die Datensammlung all die anderen Details…  für all das hatte ich ja jede Menge Zeit!

Die Lösung für mein aktues Geldproblem war dann ein Crowdfunding. Wenn ich ein gutes Quartett machte, würden sicher andere mithelfen, es zu bezahlen. Und ich war mir sicher, dass ich andere würde überzeugen können. Ich verlinke das Video hier mal – aber wenn ihr nicht klickt, bin ich auch nicht böse. Es ist einfach schlimm…. 🙂

Völlig überraschend sammelte ich beim Crowdfunding 6x mehr ein als benötigt! 

Tatsache ist, dass die Idee super ankam!

So weit ich weiß, halte ich mit 616 Prozent Überfinanzierung noch heute den Rekord in diesem Bereich auf der deutschen Plattform Startnext.com.

Ich habe damals nicht geahnt, dass das Retro-Rechner-Quartett so ein Risesenerfolg wird. Heute kann ich voller Stolz sagen, dass rund 5.000 Menschen rund um die Welt das Retro-Rechner-Quartett gespielt haben. Dass wir fast ausschließlich englische Bezeichnungen verwendet haben, störte die Deutschen, Schweizer und Österreicher nicht.

Und die Leute auf den Philippinen fanden es super (siehe Fotos!)

Philippines

Dass die Idee wirklich gut war, zeigten die Nachahmer, die schnell aufkamen. Die Quartett-Piraterie war mir jedoch wurscht. Ich hatte aus meiner Freizeit das Beste gemacht. Als ich die Quartetts ein halbes Jahr später an alle verschickte, hatte ich schon längst wieder einen Job.

 

Und ich hatte was gelernt: Ich wollte nicht mehr nur arbeiten, damit ich einen Job hatte. Ich brauchte ein vernünftiges Hobby!

 

Eins kam zum Anderen: Durchs Retro-Rechner-Quartett lernte ich andere Bastler kennen. Zum Beispiel die Jungs, mit denen ich dann gemeinsam den Digital Retro Park e.V. gründete, um die Retro-Rechner zu erhalten. Darunter war auch Georg, der Organisator des “Bended Realties” – Festival für digitale Spielkultur.

 

Weil vom Retro-Rechner-Quartett etwas Geld übrig war, haben wir dann 2014 die erste Make Rhein-Main an der HfG in Offenbach gelauncht. Nach dem Vorbild anderer Maker-Messen, wie der “Make Munich”, riefen wir die lokalen Maker einfach alle zusammen. Begünstigter sollte der Digital Retro Park sein.

 

Auch das kam super an: Inzwischen ist daraus eine echt tolle Maker-Community gewachsen, über die ich mich jeden Tag freue. Wir haben alleine drei Projekte, die ihren eigenen 3D-Drucker bauen: Protoworx, 3Dator und die 3DDC. Wir haben veganes Leder vorgestellt, andere Kartenspiele wie das “Rhetorische Quartett”, selbstgebaute E-Bikes, Musik und und und.

 

Als Organisator hat man natürlich immer den meisten Stress auf der Make Rhein-Main. Aber wenn ich ich mich dann so auf der Messe umschaue, fühle ich mich wie damals in der Grundschule in “Freie Arbeit”.

 

Das ist einfach schön!

Make Rhein-Main Logo
Text, Logo und Bilder – Copyright 2016, Roman Keßler

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